September 2025: Häusliche Gewalt: Wie finden Betroffene wieder eine eigene Wohnung?

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Vom 17. September 2025 | von Dr. Franziska Böhl

Das Forschungsprojekt SieWo machte beim Wissenschaftskino am 9. September in Leipzig auf die Probleme häusliche Gewalt und Wohnungsmangel aufmerksam

Jede vierte Frau erlebt einmal Gewalt in einer Partnerschaft, so das Ergebnis einer europäischen Erhebung. Wie schwer es ist, die Spirale der häuslichen Gewalt zu durchbrechen und wieder ein selbst bestimmtes Leben zu führen, wozu auch eine eigene, sichere Wohnung gehört, wurde beim Wissenschaftskino am 9. September 2025 im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig deutlich.

Zu den beiden drängenden gesellschaftlichen Problemen – häusliche Gewalt und Wohnungsmangel – konnten die Besucherinnen und Besucher zunächst den Dokumentarfilm „Zuflucht nehmen“ sehen und im Anschluss mit den Gästen darüber reden: Forscherin Dr. Friederike Frieler von der HTWK Leipzig, Praxispartnerin Ursula Baur vom Verein Kontaktstelle Wohnen, Lisa Rechenberg vom Verein LAG Gewaltfreies Zuhause Sachsen und Mandy Uhlig, Kommunale Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Leipzig, standen Moderatorin Katrin Haase von der HTWK-Forschungskommunikation Rede und Antwort.

Die Podiumsgäste (v.l.) Lisa Rechenberg, Mandy Uhlig, Ursula Baur und Dr. Friederike Frieler mit Moderatorin Katrin Haase (Foto: Saskia Pramor/HTWK Leipzig)

Situation im Film vergleichbar mit Städten wie Leipzig

Der Film „Zuflucht nehmen“ von Regisseurin Selina Höfner von 2023 nimmt Bezug auf den Berliner Wohnungsmarkt: Die Protagonistinnen beschreiben, wie verschiedene strukturelle Probleme die Situation von gewaltbetroffenen Frauen beeinflussen. So fehlt es an Schutzplätzen, auf die gewaltbetroffene Frauen angewiesen sind. Ebenso geht damit der Verlust von bereits bestehenden Zufluchtsräumen infolge von Verdrängungsprozessen durch Kündigungen, Mietsteigerungen und Gentrifizierung einher.

Ob die Situation in Berlin vergleichbar sei mit Leipzig, beantworten die Podiumsgäste einstimmig mit ja. Auch in Leipzig gebe es auf dem Wohnungsmarkt eine große Wohnungsnot, insbesondere bezahlbarer Wohnraum sei für marginalisierte Menschen schwer zu finden, so Baur. Auch die Entwicklung von Frauenschutzhäusern sei ähnlich, wie Uhlig erzählt: In den 1990ern sei auch hier ein autonomes Frauenhaus entstanden. Heute gibt es vier weitere Frauenschutzhäuser, die über staatliche Gelder finanziert werden. Während Gewaltschutz in Kommunen noch eine freiwillige Aufgabe sei, sei sie auf Landesebene verpflichtend. Seit Januar 2025 gibt es zudem das neue Gewalthilfegesetz, wodurch es ab 2032 einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für Betroffene gibt und die Länder zum Ausbau ihrer Hilfsangeboten verpflichtet sind. Gemäß der Istanbul-Konvention bedarf es pro 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern mindestens eines Familienschutzplatzes. In Leipzig sei man schon an einem guten Punkt.

Filmplakat „Zuflucht nehmen“

Forschungsprojekt SieWo: Unterstützung und Sensibilisierung

Dennoch bedarf es weiterer Unterstützung und auch Forschung. Das Forschungsprojekt „SieWo – Sie wohnt gewaltfrei“ ist hier ein gutes Beispiel. Das Verbundprojekt der HTWK Leipzig und der gemeinnützig organisierten Kontaktstelle Wohnen baut mit SieWo eine Vermittlungsstelle für Wohnraum nach häuslicher Gewalt auf. So werden Frauen, die nach einem Aufenthalt im Frauenschutzhaus eine neue Perspektive suchen, mit privaten oder gewerblichen Vermietenden zusammengebracht. Eine seit dem Frühjahr 2025 laufende Kampagne macht darauf aufmerksam. Erste Vermittlungen gab es schon, wie Baur nach einer Publikumsfrage berichtet.

HTWK-Forscherin Frieler ergänzt: Die Informations- und Sensibilisierungskampagne, die sich an gewerbliche und private Wohnraumgebende richtet, sei das wichtigste Element des Verbundprojekts. Daneben gehe es in dem Modellprojekt einer sozialen Innovation aber auch darum, zu erfahren, was Sicherheit in Bezug auf Wohnraum für gewaltbetroffene Menschen überhaupt heißt und zugleich können durch die neuen Erkenntnisse auch Empfehlungen gegeben werden, welche Verbesserungsmöglichkeiten es noch gibt. Zahlen und Studien seien vor allem wichtig, um auch den Bedarf an Unterstützung zu belegen, wie Rechenberg unterstreicht.

Druck aus der Bevölkerung sei da hilfreich: Laut sein, engagiert sein, Bedarf aufzeigen. Passend dazu eine Frage aus dem Publikum: Was kann die Stadt Leipzig tun, um solche Initiativen zu unterstützen? Uhlig will sich für eine bedarfsgerechte Wohnraumentwicklung einsetzen und auch innerhalb der Stadtverwaltung für das Thema sensibilisieren. Denn da sind sich alle einig: Die Verweildauern in Frauenschutzhäusern mit meist über vier Monaten – eher bis zu einem Jahr – sind sehr lang. Verschiedene soziale Einrichtungen wie das Jobcenter oder das Gesundheitssystem sollten hierbei besser zusammenarbeiten, schneller reagieren und hinsichtlich des Gewaltschutzes mehr geschult werden, denn das Ziel ist es, den gewaltbetroffenen Frauen so schnell wie möglich zu helfen und in dem Fall, wieder zu einem eigenen zu Hause zu verhelfen und damit den Schritt wieder in ein sicheres, selbstbestimmtes Leben zu ebnen.

Nächste Veranstaltung

Die nächste Vorführung vom Wissenschaftskino, der Film- und Diskussionsreihe der Leipziger Wissenschaftseinrichtungen, findet am 25. November 2025 statt: Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig wird der Film „Contagion“ (USA, 2011) gezeigt. Der Eintritt ist frei.

Projekt SieWo für SINN-Innovationspreis nominiert – Online-Voting läuft bis 17. Oktober 2025

Das Projekt SieWo ist zudem für den SINN-Innovationspreis nominiert. Mit dem Preis werden besonders innovative Projekte mit sozialer Wirkung in Sachsen ausgezeichnet. Bis zum 17. Oktober 2025 können Interessierte für eines der nominierten zehn Projekte abstimmen.

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